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Ansprache von Innenminister Otto Schily

6. Oktober 2004


Verehrte Lady Coats, Herr Botschafter Coats, Herr Botschafter Kimmitt, Herr Botschafter Kornblum, Herr Botschafter Martin, Herr Regierender Bürgermeister, Herr Staatssekretär, General Williams, sehr verehrte Damen und Herren.

Zunächst einmal, Herr Botschafter Coats, möchte ich Ihnen zu den großen Fortschritten in der deutschen Sprache gratulieren. Ich glaube, das hat einen besonderen Beifall verdient. Das ist ja nicht ganz einfach, sich in der deutschen, schwierigen Sprache zurechtzufinden. Aber mein richtiger, großer Glückwunsch gilt Ihnen heute zur Grundsteinlegung hier an dem historischen Pariser Platz. Ich hoffe, dass Ihnen die neue Adresse keine Schwierigkeiten machen wird in Zukunft. Meine Damen und Herren, als 1732 die ersten beiden Palais an diesem Platz errichtet wurden, musste dafür noch ein ganzes Stück Tiergarten gerodet werden. So jedenfalls kann man das in den Annalen nachlesen. Das würde in der Tat gut zur Geschichte und zum Charakter der Vereinigten Staaten von Amerika passen. Amerikaner sind ja bekanntermaßen Experten für ‚Groundbreaking’, für Pioniergeist, für Aufbruch und für das Schaffen neuer Landschaften. Diesmal waren es nicht ganz so viele Bäume und das heutige ‚Groundbreaking’, die Grundsteinlegung für den Botschaftsneubau ist kein Neuanfang auf unbekanntem Gelände. Schon einmal hatte die amerikanische Botschaft Ihren Sitz an diesem Ort, wenngleich nur für kurze Zeit und unter widrigen Umständen, um es vorsichtig auszudrücken.

Architektonisch schließt der Neubau eine Lücke im Zentrum der Stadt. Historisch bedeutet er die Rückkehr an einen herausgehobenen Ort deutscher Geschichte, wenn nicht den herausgehobensten, und politisch weist er in die Zukunft als Zeichen der engen, freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten im 21. Jahrhundert. Es ist eine Rückkehr mit dem Blick nach vorn, mit dem Blick in die Zukunft. Wir sollten uns an diesem Tage einmal mehr daran erinnern, dass wir es zuallererst unseren amerikanischen Freunden verdanken, dass wir heute auf dieser Seite des Brandenburger Tores stehen können. Nur durch die militärische Präsenz und die politische Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika konnte die Teilung Deutschlands und Europas am Ende des Kalten Krieges überwunden werden.

Seither hat sich die Welt aber noch einmal dramatisch verändert. Vor drei Monaten, am 4. Juli dieses Jahres gab es in New York auch eine Grundsteinlegung: Groundbreaking at Ground Zero. Ground Zero, dem Ort der Massenverbrechen vom 11. September 2001. Ich kann mich sehr gut persönlich noch daran erinnern, dass Botschafter Coats unmittelbar nach diesen Ereignissen oder in dieser Zeit, kurz davor nach Berlin gekommen ist, als die Anschläge des 11. September 2001 New York und Washington trafen und Tausende von Toten forderten. Aber wir wissen, die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus gilt uns allen. Die Liste der Anschlagsorte ist lang, sie endet nicht mit Madrid und Beslan, aber es gibt auch ein Zeichen der Hoffnung. Ein Zeichen der Hoffnung ist das ‚Groundbreaking’ am Ground Zero und wir wissen, wir können diesen Kampf gegen den internationalen, islamistischen Terrorismus nur gemeinsam gewinnen und diese Herausforderung hat uns, die Amerikaner und die Deutschen näher zusammengebracht. Daher haben wir die Zusammenarbeit zwischen unseren Sicherheitsbehörden in den vergangenen drei Jahren noch weiter intensivieren können und gemeinsame Initiativen für mehr Sicherheit auf den Weg gebracht und ich will den Anlass benutzen, Herrn Botschafter Coats insbesondere zu danken für die ausgezeichnete und vertrauensvolle Zusammenarbeit gerade auf diesem wichtigen Gebiet.

Meine Damen und Herren, wir freuen und sehr, dass die Botschaft der USA an diesem historischen Platz mit seinen alten und neuen Bauten demnächst wieder seine Pforten öffnen wird. Die Architektur dieses Neubaus wird dem Ensemble des Pariser Platzes einen weiteren, reizvollen Akzent verleihen. Wir freuen uns auf einen Bau, der bei höchsten Anforderungen an die Sicherheit zugleich das Bemühen um Transparenz und Offenheit verdeutlicht und wie aus den Worten von General Williams hervorgeht, auch die künstlerischen Ambitionen Amerikas repräsentieren wird.

Meine Damen und Herren, in Berlin sind Katastrophen und Neubeginn nicht voneinander zu trennen. Die neue Botschaft wird beiden Seiten der deutschen Geschichte zugewandt sein. Im Süden richtet sich der Blick auf das Holocaust Mahnmal, auf die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Zugleich richtet sich aber der Blick auf das Symbol für das wiedervereinigte, demokratische Deutschland, das Brandenburger Tor und zugleich ist der Pariser Platz und damit auch die amerikanische Botschaft ganz nah am Puls der Politik, der Reichstag als Sitz des Bundestages, der Bundesrat und das Kanzleramt liegen ebenso in unmittelbarer Nähe wie die Vertretungen der anderen, früheren Alliierten. Hier vor dem Brandenburger Tor symbolisiert die Nachbarschaft mit den Botschaften Frankreichs und Großbritanniens die Grundpfeiler deutscher Außenpolitik. Auf der einen Seite die Aussöhnung und Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn, die Einigung Europas als Garant für Frieden und Wohlstand und Freiheit in Europa und auf der anderen Seite die verlässliche, transatlantische Partnerschaft für Sicherheit und Freiheit in der Welt und dass die künftige, amerikanische Botschaft auch in der unmittelbaren Nachbarschaft der Akademie der Künste sich befinden wird ist ebenfalls ein Beweis dafür, ein weiterer Beleg dafür, dass die Freundschaft zwischen unseren Völkern sich nicht nur auf Wirtschaft, auf Politik beschränkt sondern dass sie tiefe, kulturelle Wurzeln hat, wie einmal mehr erkennbar wurde durch die fantastischen Zahlen bei der MoMA, also ein grandioser Erfolg, diese Ausstellung hier in Berlin.

Meine Damen und Herren als Karl Gotthard Langhans dem König den Entwurf für das neue Stadttor unterbreitete, schrieb er „die Lage des Brandenburger Tores sei in ihrer Art unstreitig die schönste von der ganzen Welt“ und Max Liebermann, der hier schräg gegenüber lebte und arbeitete, konnte seinen Besuchern ganz einfach den Weg beschreiben „wenn Sie nach Berlin reinkommen, gleich links“. Nun ist Berlin inzwischen noch etwas gewachsen, aber auf der ganzen Welt, aber vor allen Dingen auch in Deutschland, wird man in Zukunft wissen, wer gemeint ist, wenn man sagt „wenn Sie durch das Brandenburger Tor von Westen her kommen, gleich rechts“.

Lieber Herr Botschafter Coats, seien Sie herzlich Willkommen im Herzen von Berlin, das hat einen schönen Doppelsinn.


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