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Der transatlantische Marktplatz – Herausforderungen und Chancen nach 2008
Frankfurt am Main, 7. November 2008
Botschafter William R. Timken jr.

Es gilt das gesprochene Wort.

Es ist mir ein großes Vergnügen, die zweite Transatlantische Jahreswirtschaftskonferenz zu eröffnen. Ich war bereits letztes Jahr zur ersten Jahreswirtschaftskonferenz hier und hoffe, dass diese Tradition von meinem Nachfolger fortgesetzt wird.

Im nächsten Jahr wird es mit einer neuen Regierung in Washington eine Zeit des Übergangs geben, aber ich bin zuversichtlich, dass der neu gewählte Präsident weiter eng mit Europa und insbesondere mit Deutschland zusammenarbeiten wird. Eine zunehmend globalisierte und multipolare Welt birgt große Herausforderungen und Chancen für uns alle. Eine Herangehensweise, die die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt, ist für die Bewältigung von Problemen entscheidend. Wie erfolgreich wir dabei sind, wird in den kommenden Jahren die Gestaltung der Weltordnung, der globalen Sicherheit und des Wohlstands weltweit bestimmen.

Präsident Bush und Bundeskanzlerin Merkel haben bei der Bewältigung der Herausforderungen für unsere beiden Länder eine konstruktive Führungsrolle übernommen. Ihre Sprache, die eine gemeinsame Zielsetzung zum Ausdruck bringt - ein starkes Europa in Partnerschaft mit Amerika – entspricht der Realität unserer Zusammenarbeit heute und unter unserem neuen Präsidenten morgen.

Im vergangenen Jahr haben wir diese Partnerschaft auf besondere Weise gewürdigt. Viele von Ihnen waren bei der feierlichen Eröffnung der neuen US-Botschaft in Berlin am 4. Juli anwesend. Es war uns eine Ehre, Bundeskanzlerin Merkel und den ehemaligen Präsidenten Bush zu den Eröffnungsfeierlichkeiten begrüßen zu dürfen. Wir waren alle zutiefst bewegt von den Worten des ehemaligen Präsidenten, dessen Bekenntnis zur Unterstützung der deutschen Wiedervereinigung die besondere Verbindung zwischen unseren beiden Nationen so überzeugend zum Ausdruck brachte.

Viele der hier vertretenen Unternehmen haben unsere Feier unterstützt. Für diese Unterstützung würde ich Ihnen gerne persönlich danken. Sie ist Ausdruck des Engagements der transatlantischen Wirtschaftsgemeinschaft für unsere Partnerschaft - die ich als zugrundeliegendes Thema dieser Konferenzreihe sehe.

Vor einem Jahr konzentrierten wir uns auf die Chancen für rechts- und ordnungspolitische Reformen, die sich aus der Transatlantischen Wirtschaftsinitiative von Bundeskanzlerin Merkel ergeben. Mehr als jeder zweite Dollar – oder Euro – aller Güter und Dienstleistungen der Welt wird von unseren beiden Volkswirtschaften generiert. Wir sind die größten Märkte und die jeweils größten Investoren füreinander.

Im vergangenen Jahr haben wir an der Botschaft und den fünf Konsulaten uns ergänzend zur Arbeit des Transatlantischen Wirtschaftsrats darauf konzentriert, die Tiefe und Bandbreite der Investitions- und Handelsverbindungen zwischen Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, und den Vereinigten Staaten zu dokumentieren. Die AmCham und der BDI haben diese Bestrebungen unterstützt und uns wertvolle Eckdaten zur Verfügung gestellt, die das Ausmaß der Verbundenheit zwischen unseren beiden Ländern verdeutlichen.

Am 12. November werden wir in Berlin dank BDI und AmCham einen 30-seitigen Bericht mit einem Großteil der Daten veröffentlichen, die wir zusammengetragen haben. Wir werden diese bisher wenig bekannten Fakten auch auf einer eigenen Website der Botschaft veröffentlichen. Heute kann ich Ihnen eine kleine Broschüre in englischer und deutscher Sprache aushändigen, die Ihnen einen Einblick gewährt.

Ich kann nur sagen, unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit ist wahrlich das, was unsere bilateralen Beziehungen zusammenhält, aber sie wird weitgehend unterschätzt.

Vielen Dank, Fred und Jürgen, für die Zusammenarbeit.

In der neuen globalen Wirtschaft haben Investitionsströme den größten Einfluss auf Arbeitsplätze. Ausländische Direktinvestitionen zwischen den beiden Volkswirtschaften begünstigen dieses auf beiden Seiten stattfindende Wachstum und sind der bedeutendste Faktor für unsere immer enger verflochtenen Wirtschaftsbeziehungen. Jüngste Daten der Bundesbank zeigen, dass die Vereinigten Staaten 2006 in Detuschland der größte Investor waren und für 11,5 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland verantwortlich sind. Die Vermögenswerte der Vereinigten Staaten in Deutschland sind tatsächlich höher als die Gesamtinvestitionen der Vereinigten Staaten in Südamerika insgesamt.

Alles in allem haben sich die ausländischen Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten in Deutschland mehr als vervierfacht, während die deutschen Direktinvestitionen in den Vereinigten Staaten heute etwa siebenmal so hoch sind wie zum Zeitpunkt des Mauerfalls. Die Vermögenswerte von deutschen Firmen in den Vereinigten Staaten und amerikanischen Firmen in Deutschland belaufen sich insgesamt auf über eine Billion US-Dollar. Die Vereinigten Staaten sind in der Tat heute das Investitionsziel Nr. 1 für deutsche Firmen. Allein die deutschen Investitionen im Südosten der Vereinigten Staaten sind jetzt höher als sämtliche europäischen Investitionen in China.

Was den Geschäftsverkehr betrifft, so macht der Handel zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fast ein Viertel des gesamten Handels der Vereinigten Staaten mit allen 27 EU-Mitgliedstaaten aus. Deutschland exportiert etwa 60 Prozent mehr in die Vereinigten Staaten als das zweitgrößte europäische Exportland. Deutschland betreibt auch mehr Handel mit den Vereinigten Staaten als mit China und Indien zusammengenommen. Dieser jahrzehntelange Exporterfolg auf dem US-Markt spiegelt sich in dem beträchtlichen Exportüberschuss von 45 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 wider.

Die zugrundeliegende Botschaft ist die folgende: Je mehr Handel und Investitionen es zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland gibt, desto größer das Umsatz- und Gewinnniveau der ausländischen Tochtergesellschaften. Das bedeutet mehr Wohlstand und vor allem mehr Arbeitsplätze in unseren beiden Ländern.

Ich erinnere mich auch an die Prognose des BDI, der Handel würde um drei Prozentpunkte zunehmen, wenn die Transatlantische Wirtschaftsinitiative Erfolg hat.

Deshalb kann ich nach drei Jahren als Amerikanischer Botschafter in Deutschland mit Überzeugung sagen, dass die transatlantischen Wirtschaftsverbindungen unsere Beziehungen ebenso sehr, wenn nicht sogar stärker, prägen als jede diplomatische Demarche oder militärische Übung. Im 21. Jahrhundert sind private Initiativen das, was unsere Partnerschaft zusammenhält.

Es stimmt allerdings auch, dass zunehmende wirtschaftliche Integration nicht nur die rasche Verbreitung von Chancen, sondern auch auch von finanziellen Schwierigkeitenüber über Grenzen hinweg begünstigt. Das haben wir in den vergangenen Wochen beobachten können. Die jüngsten Fluktuationen der Finanzmärkte und das Einfrieren der Kreditmärkte beeinflusst das tägliche Leben der Bürger auf der ganzen Welt spürbar. Dies zeigt, wie sehr die Volkswirtschaften der Welt miteinander verbunden und voneinander abhängig sind.

Zweifelsohne wird die aktuelle Krise in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder analysiert werden. Wenn wir diese Periode überwunden haben – und das werden wir – wird es die Aufgabe der neuen Regierung in Washington und der internationalen Partner der Vereinigten Staaten sein zu gewährleisten, dass bei der Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Risiko und Belohnung auf dem Markt auch ein Gleichgewicht zwischen kluger Regulierung und Marktdisziplin geschaffen wird. Der Prozess der Wiederherstellung weltweiter Finanzstabilität wird kein einfacher sein, und er wird nicht über Nacht vonstatten gehen.

Die Maßnahmen des Kongresses, die Arbeit der US-Regierung, die gewissenhaften Bestrebungen der europäischen Regierungen und die effektive internatioanle, von der EU und den Vereinigten Staaten angeführte Koordination stimmen mich zuversichtlich.

Die führenden Vertreter der G20 kommen nächste Woche in Washington im Rahmen der weltweiten Bestrebungen, diese Ziele zu erreichen, zusammen. Dieses Gipfeltreffen ist nur ein Schritt in einem andauernden Prozess.

Gemeinsam müssen wir das Vertrauen in unsere Märkte wiederherstellen, damit das Kapital wieder fließen und somit das weltweite Wachstum ankurbeln kann. Sowohl die deutsche als auch die amerikanische Volkswirtschaft ist widerstandsfähig. Sie werden die treibenden Kräfte des Weltwirtschaftswachstums bleiben – und die besten Orte der Welt, um Geschäfte zu tätigen.

Inzwischen obliegt es den Unternehmen, weiterhin das zu tun, was sie am besten können – Wohlstand schaffen sowie Produkte herstellen, die unsere Wirtschaft stärken und die Lebensqualität der Menschen verbessern.

Während die bedeutende Rolle von Handel und Investitionen allgemein anerkannt ist – obwohl ihre Tiefe und Bandbreite oft unterschätzt wird - sind die grundlegenden Verbindungen im Bereich Forschung und Entwicklung zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland weitaus weniger bekannt. Zunehmend wird dieser Bereich jedoch zur Triebkraft für Innovation und wissenschaftliche Durchbrüche. Dieses förderliche Umfeld hat zu besonders fruchtbarer Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung in den Sektoren Wind- und Solarenergie geführt, und Deutschland und die Vereinigten Staaten sind Spitzenhandelspartner für hochentwickelte Technologien in der Biotechnologie, den Biowissenschaften sowie hochentwickelter Materialien.

Eine starke und langjährige Tradition wissenschaftlicher Austauschprogramme und Stiftungen unterstützen diese Bestrebungen im Bereich Forschung und Entwicklung ebenfalls. Eine der dauerhaftesten kulturübergreifenden Verbindungen entsteht durch Wissenschaftler und Studenten, die die Vereinigten Staaten besuchen. Die Austauschprogramme zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland sind die in Europa am meisten genutzten und zählen zu den beliebtesten auf der Welt. Über 30.000 deutsche und amerikanische Schüler und Studenten studieren jedes Jahr ein ganzes akademisches Jahr lang im jeweils anderen Land. Sogar noch mehr deutsche Studenten nehmen an kurzfristigen Austauschprogrammen teil. Zahlreiche öffentliche und private Partnerschaften beleben und erhalten die Austauschprogramme zwischen den beiden Ländern. Die deutsche Fulbright-Kommission und das Deutsch-Amerikanische Partnerschaftsprogramm sind die größten staatlich geförderten Austauschprogrammen ihrer Art weltweit. Aber obwohl staatlich geförderte Austauschprogramme durchaus wichtig sind, sind Zahl, Vielfalt und Auswirkungen privater Programme – organisiert über Partnerschaften zwischen Institutionen und Städten, über deutsch-amerikanische Clubs, Sport- und Musikgruppen, ganz zu schweigen die als Nebenprodukte geschäftlicher Verbindungen und kommerzieller Initiativen entstandenen – weitaus größer.

Die Rolle der Vereinigten Staaten beim Wiederaufbau und der Verteidigung Westdeutschlands nach dem Krieg führte zu dem, was in gewisser Hinsicht das größte Austauschprogramm der Geschichte darstellte. Soldaten, nicht Studenten, bauten neue Kontakte auf und schafften Gelegenheiten für den gegenseitigen Gedankenaustausch. Über 15 Millionen Amerikaner waren seit den Vierzigerjahren in Deutschland stationiert, einschließlich der Militärangehörigen und ihrer Familien. Heute hat die Wirtschaft diese Rolle übernommen.

Zweige amerikanischer Konzerne in Deutschland haben sich in den letzten Jahren zunehmend auf ihre Verantwortung gegenüber der deutschen Gesellschaft besonnen. Gemäß einer jüngeren Umfrage der AmCham in Deutschland sind über 40 Prozent der amerikanischen Unternehmen in Deutschland auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene in Bildungs-, Umwelt- oder anderen Gemeinschaftsinitiativen aktiv. Dies folgt dem historischen Engagement des Privatsektors in den Vereinigten Staaten, Verantwortung für Lösungen für gesellschaftliche Defizite zu übernehmen.

Kurz gefasst, Handel und Investitionen schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand, aber diese Indikatoren allein sind nicht die ganze Geschichte. Ich habe bereits in der Vergangenheit darüber gesprochen, aber dies ist für mich die letzte Gelegenheit, mit vielen von Ihnen zu sprechen. Wie nach einer Präsidentschaftswahl üblich, werden Sue und ich bald in die Vereinigten Staaten zurückkehren.

Wir freuen uns sehr, noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, als offizielle Vertreter der Amerikaner in Frankfurt zu sein.

Wir möchten den Menschen in Hessen für ihre wunderbare Gastfreundschaft und ihre Herzlichkeit danken. Wir haben viele Teile dieses Bundeslandes besucht, das so historische und enge Beziehungen zu unserem Land hat. Sie sind wirkliche Freunde der Vereinigten Staaten.

Ich hoffe, Sie werden alle lauter und hörbarer in öffentlichen Foren den wirklichen Wert unserer bilateralen Partnerschaft für das wirtschaftliche Wohlergehen der Deutschen betonen. Es gibt dafür kein ausreichendes Verständnis!

Vielen Dank!

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