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Amerika und Deutschland - Gemeinsamen Herausforderungen
Berlin, 12. November 2008
Botschafter William R. Timken jr.

Lieber Jürgen,

Ich möchte Ihnen und dem BDI für die Gelegenheit danken, diese so wichtigen und überzeugenden Informationen über die bilateralen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland vorzustellen. Der BDI war während meiner Amtszeit als Botschafter ein wirklicher Partner. Genauso haben uns Graf von Hohenthal, Fred Irwin und die American Chamber of Commerce immer sehr unterstützt. Als Geschäftsmann war ich überall auf der Welt tätig, aber eine so effektive AmCham-Organisation habe ich in keinem anderen Land erlebt.

Ich danke auch dem German Marshall Fund, der unsere bilateralen Beziehungen weiterhin in führender Rolle unterstützt.

Wie Sie wissen, wurde in den Vereinigten Staaten eben ein neuer Präsident gewählt. Dazu möchte ich sagen, für eine der ältesten Demokratien der Welt – sie ist jetzt 233 Jahre alt - war das eine wirklich heftige Demonstration der lebendigen Kraft der amerikanischen Demokratie.

Nach fast dreieinhalb Jahren in Deutschland werden Sue und im Dezember nach Hause zurückkehren. Wir möchten allen Menschen in Deutschland für ihre begeisterte, warmherzige und gastfreundliche Unterstützung danken. Das gilt sicherlich für Berlin, aber ich meine, wir sind auch mehr gereist als das zuvor üblich war. Bis zu zwei Tage die Woche haben wir mit Reisen durch Deutschland verbracht. Wir wurden überall ebenso warmherzig willkkommen geheißen, und wir haben alle möglichen verschiedenen Menschen, die in Deutschland leben, kennengelernt.

Als Präsident Bush mich bat, hierher zu kommen, beauftragte er mich, die bilateralen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu verbessern und eine wahrhaft effektive globale Partnerschaft zwischen unseren Nationen sowie zwischen den Vereinigten Staaten und der EU zu schmieden.

Wir befinden uns bereits inmitten der Übergangszeit zur neuen Regierung unter Präsident Obama. Präsident Bush hat angeordnet, dass dieser Übergang der reibungsloseste aller Zeiten sein soll, und das wird er sein.

Natürlich schreibe ich Berichte, und folgendes werde ich sagen:

Die bilateralen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland sind heute stärker, reifer und ausgewogener als je zuvor. Wir handeln wirklich auf der Grundlage einer globalen Partnerschaft. Zwischen Bundeskanzlerin und Präsident, zwischen Ministern, zwischen deutschem Bundesland und amerikanischem Bundesstaat, zwischen Oberbürgermeister und amerikanischem Bürgermeister, zwischen CEOs, Forschern, Lehrern, Schülern, und zwischen allen Menschen hat die Interaktion seit der deutschen Wiedervereinigung außerdentlich zugenommen. Der tägliche Austausch zwischen Deutschen und Amerikanern, sowohl physisch als auch über elektronische Kommunikationsmittel, ist der umfangreichste und vielfältigste der Geschichte. Mehr als 1.500.000 E-Mails passieren jeden Tag den Atlantik.

Ich bin auch zu dem Schluss gekommen, dass der am wenigsten verstandene, am meisten unterschätzte und am wenigsten erkannte Teil unserer Beziehungen unsere wirtschaftliche Abhängigkeit voneinander ist. Sie prägt oder sollte heute unsere Beziehungen weitaus stärker prägen als Politik, Diplomatie oder sogar Sicherheitsbelange. Im 21. Jahrhundert sind private Initiativen das, was unsere Partnerschaft wirklich zusammenhält, aber diese wirtschaftlichen Verbindungen werden viel zu wenig geschätzt.

Millionen – beachten Sie, dass ich Millionen gesagt habe - von deutschen und amerikanischen Familien brauchen starke bilaterale Beziehungen als Garantie für ihre Arbeitsplätze, ihren Lebensstandard und ihr wirtschaftliches Wohlergehen. Weil die Beziehungen so reibungslos funktionieren und so vielfältig sind, wird diese Tatsache scheinbar auf beiden Seiten des Atlantiks kaum erwähnt.

Von mir als ehemaligem Geschäftsmann denken einige möglicherweise, dass ich in meiner Begeisterung für Beschäftigung, Lebensstandards und Jobchancen vernachlässige, in wie vielerlei anderer Hinsicht unsere beiden großen Nationen verbunden sind. Das ist nicht der Fall. Gemeinsame Werte und Kultur sind natürlich die unerschütterliche Grundlage unserer Beziehungen.

Ich möchte auch anerkennen, dass unsere gemeinsamen Sicherheitsbedenken aus der Zeit des Kalten Krieges zwar abgenommen haben, aber durch andere Bedenken ersetzt wurden, die unsere militärischen Beziehungen als Teil der Partnerschaft weiterhin dringend erforderlich machen. Ich möchte Deutschland zu seiner Führungsrolle in der EU, der NATO und den anderen großen multilateralen Organisationen beglückwünschen, die Frieden und Wohlstand im 21. Jahrhundert beeinflussen.

In den letzten 20 Jahren seit dem Ende des Kalten Kriegs gab es keine zwei anderen Regionen auf der Welt, in denen die wirtschaftliche Integration schneller und intensiver vonstatten ging als in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Aus diesem Grund zählen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland, der größten europäischen Volkswirtschaft, und den Vereinigten Staaten zu den wichtigsten der Welt. Weil das Ausmaß der Verbundenheit zwischen unseren beiden Ländern insbesondere durch Handel und Investitionen so umfassend und tiefgreifend und in manchen Fällen so nahtlos ist, wird dies oft als selbstverständlich betrachtet. Wir wollen diese grundlegenden Verbindungen zwischen unseren beiden Ländern stärker beleuchten, und ich möchte Sie alle bitten, uns in diesem Unterfangen zu unterstützen.

Aus diesem Grund haben wir im Laufe des vergangenen Jahres die Tiefe und Bandbreite der Investitions-, Handels- und Finanzverbindungen zwischen Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, und den Vereinigten Staaten, der größten Volkswirtschaft der Welt, dokumentiert.

Wir haben jeden und alle Stellen kontaktiert, um diese Fakten zusammenzustellen - die deutsche und die amerikanische Regierung, die deutschen Bundesländer und die amerikanischen Bundesstaaten, die Oberbürgermeister, Nichtregierungsorganisationen und so weiter. Großartige Unterstützung haben wir vom BDI und der AmCham erhalten. Ich möchte allen für die Zusammenarbeit danken.

Heute veröffentlichen wir einen 34-seitigen Bericht, der einen Großteil der Daten und Fakten enthält, die wir zusammengestellt haben. Wir richten auch eine Website als Plattform für mehr Fakten zu diesem Thema ein. Auch hoffen wir, dass diese Seite im Laufe der Zeit mit mehr Daten aktualisiert wird.

Was wir herausgefunden haben, ist erstaunlich. Ich möchte Ihnen nahelegen, zumindest den Bericht zu lesen.

Ich werden ihn bald an Führungspersönlichkeiten in allen Bereichen versenden – in der Politik, der Wissenschaft, den Medien, den NGOs und so weiter.

Diese Tatsachen sollten einen Einfluss auf alles haben, was sie tun.

Einige der wichtigsten Erkenntnisse möchte ich Ihnen hier darlegen. Seit der Wiedervereinigung hat sich unsere wirtschaftliche Verflechtung tiefgreifend verändert.

Ausländische Direktinvestitionen zwischen den beiden Volkswirtschaften begünstigen das auf beiden Seiten stattfindende Wachstum und sind der bedeutendste Faktor für unsere immer enger verflochtenen Wirtschaftsbeziehungen. Alles in allem haben sich die ausländischen Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten in Deutschland mehr als vervierfacht, während die deutschen Direktinvestitionen in den Vereinigten Staaten heute etwa siebenmal so hoch sind wie zum Zeitpunkt des Mauerfalls. Die Vermögenswerte von deutschen Firmen in den Vereinigten Staaten und von amerikanischen Firmen in Deutschland belaufen sich auf über eine Billion US-Dollar.

Jüngste Daten der Bundesbank zeigen, dass die Vereinigten Staaten 2006 in Deutschland der größte Investor waren und für 11,5 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen verantwortlich sind. Zum Vergleich: Amerikanische Vermögenswerte in Deutschland sind sogar höher als die Gesamtinvestitionen der Vereinigten Staaten in ganz Südamerika.

Die Vereinigten Staaten sind heute auch das Investitionsziel Nr. 1 für deutsche Firmen. Allein die deutschen Investitionen im Südosten der Vereinigten Staaten sind höher als sämtliche europäischen Investitionen in China.

Was den Geschäftsverkehr betrifft, so macht der Handel zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fast ein Viertel des gesamten Handels der Vereinigten Staaten mit allen 27 EU-Mitgliedstaaten aus. Deutschland exportiert etwa 60 Prozent mehr in die Vereinigten Staaten als das zweitgrößte europäische Exportland. Deutschland betreibt auch mehr Handel mit den Vereinigten Staaten als mit China und Indien zusammengenommen. Dieser jahrzehntelange Exporterfolg auf dem US-Markt spiegelt sich in dem beträchtlichen Exportüberschuss von 45 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 wider. Überlegen Sie mal, wie viele deutsche Arbeitsplätze durch diesen Überschuss entstehen. Die Vereinigten Staaten sind der größte Exportmarkt für Deutschland außerhalb der EU.

Die zugrundeliegende Botschaft ist die folgende: je mehr Handel und Investitionen es zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland gibt, desto größer das Umsatz- und Gewinnniveau der ausländischen Konzerngesellschaften. Das bedeutet mehr Wohlstand und vor allem mehr Arbeitsplätze für unsere beiden Länder. Amerikanische Unternehmen in Deutschland stellen heute Arbeitsplätze für fast 800.000 Deutsche. Das entspricht jedem 35. Arbeitnehmer im deutschen Privatsektor! Aber hinzu kommt noch der Mulitplikatoreffekt, wenn diese 800.000 Deutschen ihr verfügbares Einkommen ausgeben. Durch den Multiplikatoreffekt sichern diese Arbeitsplätze schätzungsweise weitere zwei Millionen Arbeitsplätze für deutsche Staatsbürger. Deutsche Unternehmen beschäftigen 670.000 Amerikaner; insgesamt sind das 1,5 Millionen Arbeitsplätze in unseren beiden Ländern.

Natürlich ermöglicht zunehmende wirtschaftliche Integration nicht nur die rasche Verbreitung von Chancen, sondern auch von finanziellen Schwierigkeiten über Grenzen hinweg. Das haben wir in den vergangenen Wochen beobachten können. Zweifelsohne wird die jüngste Krise auf den Finanzmärkten und das Einfrieren der Kreditmärkte in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder analysiert werden.

Wenn wir diese Periode überwunden haben – und das werden wir – wird es die Aufgabe der neue Regierung in Washington und der internationalen Partner der Vereinigten Staaten sein zu gewährleisten, dass das Gleichgewicht zwischen Risiko und Belohnung auf dem Markt wiederhergestellt wird. Es muss auch ein Gleichgewicht zwischen kluger Regulierung und Marktdisziplin geben.

Gemeinsam müssen wir das Vertrauen in unsere Märkte wiederherstellen, damit das Kapital wieder fließen und das weltweite Wachstum ankurbeln kann. Sowohl die deutsche als auch die amerikanische Volkswirtschaft ist widerstandsfähig. Diese Wirtschaftsräume werden die treibenden Kräfte des Weltwirtschaftswachstums bleiben – und die besten Orte der Welt, um Geschäfte zu tätigen.

Zwar schaffen Handel und Investitionen Arbeitsplätze und Wohlstand, aber diese Indikatoren allein zeigen nicht das Gesamtbild.

Ein ähnliches und vielleicht sogar dramatischeres Wachstum ist auf den Kapitalmärkten zu verzeichnen. Der Anteil, den Investoren mit Sitz in den Vereinigten Staaten an deutschen Kapitalanlagen halten, ist rasant von 2 Prozent im Jahr 2001 auf fast 18 Prozent im Jahr 2006 angestiegen. Im Jahr 2007 schnellt diese Zahl auf über 22 Prozent des DAX.

Deutsche Investoren hielten im Juni 2007 US-Wertpapiere im Gesamtwert von 266 Milliarden US-Dollar.

Das sind nur einige Eckdaten, die wir für die Bereiche Wirtschaft und Handel zusammengetragen haben. Arbeitsplätze für Deutsche entstehen in vielen anderen Bereichen. Es wird Sie vielleicht überraschen, dass die US-Armee trotz unserer reduzierten Militärpräsenz mehr als 35.000 Menschen in Bayern beschäftigt und dort der drittgrößte Arbeitgeber nach BMW und Siemens ist . Das US-Militär hat in Deutschland auch Ausgaben in Höhe von über fünf Milliarden US-Dollar getätigt, Ausgaben der Militärangehörigen nicht mit eingerechnet.

Lassen Sie uns andere Bereiche ansehen. Deutsche stellen in den Vereinigten Staaten die größte Besuchergruppe aus Kontinentaleuropa. Die Vereinigten Staaten stehen an zweiter Stelle, was die Zahl von Übernachtungen ausländischer Besucher angeht, und an erster Stelle, was Besucher aus dem Ausland betrifft. 2007 gaben Besucher aus den Vereinigten Staaten sechs Milliarden Dollar in Deutschland aus. Wir sprechen über Millionen von Touristen, die den Atlantischen Ozean überqueren.

Die Austauschprogramme zwischen den Vereinigen Staaten und Deutschland gehören heute zu den meistgenutzten in Europa. Etwa 30.000 Schüler und Studenten verbringen ein ganzes Jahr im jeweils anderen Land. Ich möchte betonen, dass staatlich geförderte Austauschprogramme zwar wichtig, die Zahl, Vielfalt und die Auswirkungen von privaten Programmen doch weitaus größer sind. Im Privatsektor gedeihen Unternehmen, indem sie Arbeitnehmer und ihre Familien nach Deutschland oder in die Vereinigten Staaten entsenden.

Eine Studie von Ernst & Young aus diesem Jahr kam zu der Erkenntnis, dass die Vereinigten Staaten und Deutschland hinsichtlich ihrer Dynamik in puncto Innovation an erster und dritter Stelle stehen. Deutsche Firmen forschen und entwickeln mehr in den Vereinigten Staaten als Unternehmen aus jedem anderen Land – allein im Jahr 2005 in Höhe von 6,3 Milliarden Dollar .

Die Verbindungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten im Bereich öffentliche und private Technologien sind erstaunlich. Überall arbeiten amerikanische und deutsche Forscher und Wissenschaftler in Laboren Seite an Seite. Ein Großteil findet in der Spitzentechnologie statt, wo nach neuen Produkten und Lösungen für globale Probleme gesucht wird. Erst in den letzten Monaten haben Microsoft, Google und GE neue Forschungszentren in Deutschland angekündigt.

Ich werde hier Schluss machen. Ich denke, Sie verstehen, was ich Ihnen sagen wollte. Wenn einige sagen, die Vereinigten Staaten und Deutschland drifteten auseinandern, verschließen sie die Auge vor der Tatsache, dass Millionen von uns wirtschaftlich tatsächlich rasch enger zusammenrücken. In diesen Zeiten wirtschaftlicher Belastungen brauchen wir einander mehr, nicht weniger. Lassen Sie die Meinungsforscher diese Fakten auf eigene Gefahr ignorieren. Investitionen, Handel und Arbeitsplätze sind das, was uns heute zusammenhält.

Allzu oft habe ich gehört, wie Politiker argumentieren, Politik sei irgendwie separat und abgetrennt von der Welt des Handels und der Wirtschaft. Damit deuten sie an, dass es eine Unterbrechung in den politischen Beziehungen geben kann und die Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei Ländern gleichzeitig wie gehabt weitergeführt werden können. Kurzfristig vielleicht, aber langfristig sicherlich nicht. Das gilt insbesondere, wenn das Wohlergehen so vieler Familien auf dem Spiel steht, wie es bei den Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten der Fall ist.

Wir alle müssen lauter und hörbarer in öffentlichen Foren den wirklichen Wert unserer bilateralen Partnerschaft für das wirtschaftliche Wohlergehen der Deutschen und der Amerikaner betonen. Es gibt kein ausreichendes Verständnis hierfür.

Seien Sie versichert, wenn ich in die Vereinigten Staaten zurückkehre, werde ich den Amerikanern diese Botschaft ebenfalls überbringen.

Vielen Dank.