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Deutschland zeigt Präsenz in Afghanistan

von Philip D. Murphy, US-Botschafter in Deutschland

Ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckt hat: die Soldaten der Bundeswehr oder die afghanischen Kinder. Schwer zu sagen. Aber eines weiß ich sicher: dass ich nach fünf Tagen als Gast des deutschen Verteidigungsministeriums in Afghanistan ein neues Verständnis für die Situation dieses Landes, den Zusammenhang mit unserer gemeinsamen Sicherheit und den entscheidenden Beitrag der deutschen Soldaten dort erlangt habe.

Ich habe viele Soldatinnen und Soldaten getroffen, die jeden Tag für den Auftrag, den ihnen die deutsche Regierung gegeben hat, ihr Leben riskieren: im Norden Afghanistans – in einem Gebiet, das ungefähr halb so groß ist wie Deutschland! – Sicherheit zu schaffen sowie afghanische Sicherheitskräfte auszubilden, damit diese eine stabile Zukunft für das Land gewährleisten können. Ich habe mit Dutzenden von Menschen gesprochen – mit Soldaten, zivilen Helfern, Diplomaten und Polizisten aus Deutschland, den Vereinigten Staaten, aus anderen Ländern und aus Afghanistan. Die Antwort, die ich bekommen habe, war einhellig und beeindruckend: Die Strategie, die Bevölkerung zu schützen und die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte zu beschleunigen, hat das Potenzial, überall in Afghanistan zu Erfolgen zu führen. Es gibt erste Anzeichen für Stabilität und Fortschritt. Ein deutscher Offizier sagte mir: "Ich sehe jeden Tag mehr Zeichen der Hoffnung für die Menschen in Afghanistan." Während der folgenden Tage meines Besuches habe ich dieses Kredo immer wieder gehört, vom ranghöchsten Befehlshaber der Bundeswehr ebenso wie vom rangniedrigsten Soldaten, der sich für die Mission gemeldet hat.

Ich kann die hitzige Debatte nachvollziehen, die in Deutschland über die Rolle des Militärs in der Zivilgesellschaft geführt wird. Seitdem Deutschland die Verantwortung für die Sicherheit in Nordafghanistan (und dort auch die Führung über die schnelle Eingreiftruppe) übernommen hat, sind die deutschen Truppen regelmäßig angehalten, alles zu tun, was Soldaten in Konfliktgebieten tun müssen: glaubwürdig militärische Gewalt androhen und, wenn für die Erfüllung des Auftrags nötig, auch Gewalt einsetzen und dabei die Zivilbevölkerung und sich selbst schützen. Das ist alles andere als einfach, aber ich kann aufrichtig sagen, dass die ISAF, die NATO und meine Regierung die herausragende Arbeit der deutschen Soldaten in Afghanistan enorm schätzen und achten, und dasselbe gilt für Deutschland als verlässlichen, fähigen und verantwortungsbewussten Partner. Die Vereinigten Staaten werden im Rahmen ihrer landesweiten Truppenaufstockungen sogar einige Tausend weitere Soldaten in den Norden schicken, die dem angesehenen deutschen Befehlshaber des Regionalkommandos Nord taktisch unterstellt sind. Die amerikanischen Streitkräfte sind stolz darauf, mit ihren Bündnispartnern zusammenzuarbeiten, ihnen zur Seite zu stehen und auch unter ihrem Kommando zu arbeiten. Von nahezu jedem, mit dem ich gesprochen habe, habe ich gehört, dass die Umsetzung dieser Strategie eine erhöhte Präsenz bei der Ausbildung, den Mentorenprogrammen und den Partnerschaften mit den afghanischen Sicherheitskräften erfordert, während diese zunehmend die Verantwortung für die Sicherheit der Zivilbevölkerung übernehmen, und dass 2010 und 2011 hierfür kritische Jahre sein werden. Das Engagement und die Professionalität der deutschen Soldaten haben mich sehr beeindruckt. Sie alle sind sich der Risiken, die sie eingehen, und der Tatsache bewusst, dass Deutschland mehr als dreißig Soldaten und Polizisten in Afghanistan verloren hat – mehr als jedes andere Land neben den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Kanada.

Von mehreren deutschen Soldaten habe ich gehört, dass sie das Gefühl hätten, ihre Landsleute wüssten ihren Einsatz nicht ausreichend zu schätzen. Mit dieser Herausforderung hatten wir auch in unserem Land zu kämpfen. Ich habe Sätze gehört wie "Was wir hier tun, wird in Deutschland nicht verstanden oder akzeptiert", "Die Deutschen können besser mit schlechten Nachrichten umgehen, als man ihnen zutraut" oder "Die Politiker sollten ehrlich mit der Tatsache umgehen, dass das hier ein Krieg ist, in dem wir unser Leben riskieren, um die uns anvertrauten Aufgaben zu erfüllen." Keiner der Soldaten, mit denen ich sprach, wollte Dank, sondern mehr Verständnis und Rückendeckung aus der Heimat. Alle Soldaten, mit denen ich sprach, verstanden und befürworteten General McChrystals Herangehensweise, die bei der Bevölkerung ansetzt und im Rahmen derer Partnerschaften mit den afghanischen Sicherheitskräften eingegangen werden. Ein deutscher Oberst, der bereits seit einem Monat in Afghanistan Dienst tat, sagte mir dazu: "Als ich herkam, war ich optimistisch, und jetzt bin ich noch optimistischer." Die deutschen Soldaten am Hindukusch sind stolz auf ihren Einsatz für eine stabilere Zukunft Afghanistans. Und das sollten sie auch sein. Angesichts der Tatsache, dass effektive militärische und sicherheitstechnische Fortschritte nur eine der Grundlagen für den Erfolg in Afghanistan sind, fragen Sie sich vielleicht, warum ich nicht stärker auf die große Bedeutung ziviler Wiederaufbauprogramme in Afghanistan eingehe, zu denen die deutsche Regierung so einen wichtigen Beitrag leistet. Erstens kann Wiederaufbau ohne Sicherheit nicht stattfinden. Zweitens glaube ich, dass die Leistungen des deutschen Militärs in Afghanistan in Deutschland nicht ausreichend verstanden oder gewürdigt werden. Ich werde diese Reise nicht vergessen. Ich werde mich an die vielen afghanischen Kinder erinnern, die winkend am Straßenrand entlangliefen, wenn die Fahrzeuge der Bundeswehr vorbeikamen. An das Lächeln in den Gesichtern der Bundeswehrsoldaten, die wussten, dass sie etwas Wichtiges tun. Und daran, wie General Murad Ali-Murad, Befehlshaber des 209. Corps der afghanischen Nationalarmee, mir sagte, dass er größtes Vertrauen in seine Kollegen von der Bundeswehr hat, und an seine unglaubliche Dankbarkeit für die Ausbildung und Partnerschaft. Diese Erinnerungen sind mir eine Inspiration, und ich werde sie mir bewahren.

Erschienen in „Die Welt“ vom 11. Februar 2010